Freitag, 3. Februar 2017

10 Years a Slave *hust*

Zugegeben, der Titel ist böse, ziemlich böse. Aber gerade deshalb passt er irgendwie zu unserer Beziehung. Denn heute sind Herr Pingu und ich zehn Jahre zusammen. ;)

Bevor ihr aber fragt, wie so ein Titel denn zu einer Beziehung passen kann, ob wir ständig gemein zueinander sind oder warum wir überhaupt zusammen sind, wenn ich es schon mit Sklaverei vergleiche... Nein, keine Sorge, das hat alles mit solchen Dingen gar nichts zu tun. Wir sind lieb zueinander und zoffen uns erstaunlich selten für eine so lange Beziehung. Aber wir können gemeinsam äußerst sarkastisch sein und haben auch ansonsten eine Art miteinander umzugehen, die nicht jeder versteht und die für manche fies aussehen könnte, es aber nicht ist. Wir haben eben beide eine ziemlich scharfe Zunge und sagen gerne mal gerade heraus, was wir denken, manchmal auch sehr bissig.

Jetzt könnte man sich noch fragen, wer hier wen versklavt hat, aber das lasse ich einfach mal offen.

Stattdessen belästige ich euch heute lieber mit unserer eigenen kleinen "How I Met Your Mother"-Geschichte, nur ohne Kinder. Und genau wie Ted muss auch ich dafür ein wenig ausholen und weit in die Vergangenheit zurück gehen. Denn ich kenne Herr Pingu schon mein halbes Leben.



Damals war Onlinedating noch kein alltägliches Thema. Keine Elitepartner, kein Parshitting, keine Psycho-Match-Algorithmen. Zu dieser Zeit - es war so um die Jahrtausendwende - waren Chatrooms noch ein Mega-Hit. Selbst mit Social-Media hatte das alles nix zu tun. Wenn überhaupt handelte es sich eher um Asocial-Media bei all den Freaks, die sich dort so herumtrieben. Chatrooms waren der verbale rechtsfreie Raum und das Spannenste, was das lahmarschige Internet damals zu bieten hatte.

So kam es, dass auch ich der Faszination Chat verfiel und neben unzähligen Gesprächen und Online-Bekanntschaften, die im Nachhinein betrachtet die größte Zeitverschwendung aller Zeiten waren, kristallisierte sich da auch ein Gespräch heraus, bei dem gleich von Anfang an viel harmonierte. Nach dem ersten abendfüllenden Chat verabredete man sich für den nächsten Abend wieder.

Für alle, die noch keine 3 bei ihrem Alter vorne stehen haben: Damals war noch die langsam endende Zeit der Modems oder wenn man Glück hatte ISDN. DSL Anschlüsse, wie man sie heute kennt, waren die absolute Ausnahme. Da war nichts mit immer und überall online. Im schlimmsten Fall war man nur so lange online, bis Muttern telefonieren wollte und die interessierte es herzlich wenig, ob du grade mit deinem Traummann geredet hast. Wie soll das überhaupt gehen übers Internet???

Es waren andere Zeiten und ich komme mir echt alt vor, wenn ich mich daran so zurück erinnere. Jedenfalls hatte ich das Glück, dass mein Dad damals schon im Besitz eines ISDN Anschlusses war. Das bedeutete für mich in erster Linie: Online sein, auch wenn jemand telefonieren will. Ich weiß nicht, in welche schwindelerregenden Höhen ich seine Telefonrechnung an den Wochenenden getrieben habe, wenn ich mir mit Herr Pingu online die Nächte um die Ohren geschlagen habe. Aber ich bin sicher, im Nachhinein wars die Kosten doch irgendwie wert. ;) Für mich allemal. Damals kosteten übrigens auch SMS noch richtig Geld und davon habe ich Unmengen verbraucht. Aber irgendwo musste das Taschengeld ja hin... warum also nicht in den Rachen der Telekom?

Wir verstanden uns gut, ziemlich gut und irgendwann beschlossen wir: Wir sind jetzt zusammen... Ohne uns jemals gesehen zu haben. Heute irgendwie fast schon normal, damals woah. Und Unverständnis von allen Seiten, weshalb man die Eltern gar nicht erst informiert hat. Ging die ja auch nix an, nech?

Informiert wurden sie erst, wenn man sich treffen wollte. Leider trennten uns damals schlappe 500 km, die nicht so leicht zu überbrücken waren. Ich war noch nicht 18, hatte also keinen Führerschein und auch noch nicht die finale Macht zu sagen "Ich gehe hin, wo ich will!". Bahnverbindungen dauerten 12 Stunden und mehr und beinhalteten grundsätzlich einen mehrstündigen Aufenthalt an irgendeinem Provinzbahnhof mitten in der Nacht. Das war mir schon damals nicht geheuer. Herr Pingu hatte zwar Führerschein und Auto, aber einmal quer durch Deutschland war halt trotzdem einmal quer durch Deutschland. Irgendwann hatten wir dennoch einen Termin gefunden, der dann aber grandios platzte mit der Begründung, Herr Pingu müsste als Zeuge just an diesem auserkorenen Freitag vor Gericht erscheinen. Ich dachte mir nur: "Sicher, verarschen kann ich mich alleine." Irgendwie ließ ich mich aber trotzdem davon überzeugen, dass das die Wahrheit war. Aber bevor wir dann einen neuen Termin finden konnten, verlief sich das alles im Sande. Es war eben doch einfach zu weit weg und es gab ja auch noch alternative Verlockungen vor Ort.

Nachdem wir den Karren also vor die Wand gefahren hatten, herrschte erst mal Funkstille. Nach und nach habe ich dann versucht, mich wieder heranzutasten, weil ich nicht ganz auf den Kontakt verzichten wollte. Wenigstens eine Freundschaft musste doch drin sein. Wars dann auch für mehrere Jahre. 2001 haben wir uns dann sogar endlich gesehen. Ich konnte meinen Dad dazu überreden, mich zu einem Chattertreffen nach Köln zu karren.

Abermals den Kontakt verloren haben wir 2006. Damals bin ich in eine mehr als schädliche Beziehung geschlittert, die derartige Auswüchse annahm, dass Herr Pingu irgendwann nicht mehr bereit war, sich das länger mit anzusehen und den Kontakt zu mir abbrach. Sämtliche Kontaktaufnahmen meinerseits hat er monatelang einfach ignoriert, was auf absurde Art heilsam für mich war. Denn während es mir irgendwie egal war, dass diese Beziehung mich selbst zu Grunde gerichtet hat, war es mir nicht egal, dadurch den besten Freund verloren zu haben. Ich trennte mich und nachdem ich wieder halbwegs auf dem Damm war, ließ ich so lange nicht locker mit Anrufen und Nachrichten, bis ich bei meinem wortwörtlich allerletzten Versuch dann doch eine Antwort bekam. Ich hatte mir vorgenommen: Diese eine Nachricht noch, wenn er mich dann noch ignoriert, dann wars das.

Wir haben geredet und geredet und recht schnell war alles wieder wie früher und dann wie noch früher. Wir stellten fest, dass das Interesse aneinander eigentlich nie ganz weg war und schlussendlich wurde der 03.02.2007 zu dem Tag, an dem wir eine offizielle Beziehung draus gemacht haben. Diesmal verging dann auch nicht so viel Zeit, bis wir uns gesehen haben. Schon kurz danach fuhr ich das erste Mal nach Köln (was inzwischen kein Problem mehr war, denn Führerschein und Auto hatte ich und von meiner Chaosbeziehung war ich es auch gewohnt, nach Hamburg zu fahren, was ähnlich weit war). Und im Juli des gleichen Jahres zog ich dann bereits bei ihm ein. Zugegebenermaßen ein etwas riskantes Glücksspiel, aber es hat sich alles wunderbar gefügt.

Zehn Jahre später treiben wir uns immernoch gegenseitig in den Wahnsinn und sind trotzdem heilfroh über das was wir haben, denn irgendwie passen wir wie die Faust aufs Auge.





Kommentare:

  1. Tolle Geschichte :) Ich freu mich für euch...und ja, die Chatgeschichten kenne ich auch noch ;D Ich hatte leider nur ein Modem
    ;D Genießt den Tag!!!

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    1. Danke.
      Ja, bei mir war es anfänglich auch lange Zeit nur ein Modem. Kann man sich heute kaum noch vorstellen. XD

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  2. Sehr schöne Geschichte! Es gibt einfach so Menschen, die lassen einen nicht los - bei meinem Kerl und mir war es auch so, nur dass ich es jahrelang nicht wahr haben wollte :D Und Glückwunsch zum Jahrestag! :)

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  3. Ich kannte eigentlich die Geschichte schon, aber es war schön sie mal wieder zu lesen :)

    Das mit dem Modem und allen kenne ich auch noch, obwohl ich eine 2 vorn habe :P

    Aber diese Art, wie ihr miteinander so seid, find ich einfach klasse. Bei uns gibts auch so "fiese" Unterhaltungen, dabei meinen wir das gar nicht so.
    Er duscht, ich komme ins Bad um Haare zu föhnen.
    Er: "Aber nicht in die Badewanne werfen?"
    Ich trocken: "Nein" kurze Pause. "Dafür ist das Kabel zu kurz."

    ^^

    LG :)

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  4. Was für eine süße und turbulente Liebesgeschichte :) Noch schöner, dass man sich für ein paar Minuten in die eigene Vergangenheit versetzt fühlt - wer kennt heutzutage noch Seiten, auf denen man Minutenpreise für Internet-Nutzung vergleichen konnte oder das genial-nervige Modemgeräusch :D

    Liebe Grüße und euch beiden weiterhin eine so tolle und einzigartige Beziehung

    Nathalie

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